Methoden und Materialien

Beschichtungen auf Ölbasis („Kutschenlacke“):

In der Frühzeit des Automobilbaus wurden Fahrzeuglacke aus Leinöl mit Kopalen bzw. Bernsteinanteilen hergestellt, die von Hand in zahlreichen unterschiedlich zusammengesetzten und genau aufeinander abgestimmten Lagen aufgestrichen wurden.

Fahrzeuge mit solchen originalen Lackierungen sind heute äußerst selten und wertvoll. Der Erhalt dieser Oberflächen und ihre Restaurierung erfordern besondere Methoden sowie spezielle Materialkombinationen, die genau auf die spezifischen Schäden der Öllacke abgestimmt werden müssen. Ein Beispiel dafür ist das Restaurierungsprojekt an einem Renault Typ C aus dem Jahre 1899.

Die materialgetreue Rekonstruktion  solcher mit dem Pinsel ausgeführten Lackierung ist eine besondere Herausforderung, die ich mit meinem Netzwerk authentisch umsetzen kann.

Wärmetrocknende bzw. "ofentrocknende" Asphaltlacke

Beschichtungsmaterialien aus einer Mischung von mineralischem Asphaltit, trocknenden Ölen und Pigmenten waren schon um 1900 für die Lackierung von Nähmaschinen oder Fahrradrahmen weit verbreitet.

1913 übernahm der Automobilpionier Henry Ford dieses Lacksystem für die Karosserieoberflächen seines legendären Model T. Das ist wohl auch Grundlage für die ihm zugeschriebene Aussage "der Kunde kann seinen Wagen in jedem Farbton bekommen, solange es schwarz ist", denn durch den Asphaltanteil lassen sich solche Überzüge nur in dunkelbrauner bis schwarzer Farbe ausführen.

Entsprechende Formulierungen haben den Vorteil, dass sie im Produktionsablauf mit Hitze deutlich schneller getrocknet werden konnten und dann stabilere Oberflächen bildeten als die sonst verwendeten Kutschenlacke. Dies ermöglichte eine Beschleunigung der Produktion und führte dazu, dass vergleichbare Materialsysteme schon  kurze Zeit später von den Dodge Brothers und anderen Mitbewerbern übernommen wurden. Verschiedene  Autobauer setzten Asphaltlacke auch nur für die Beschichtung von besonders strapazierten Bauteilen wie Chassis, Kotflügeln oder Rädern ein.

Eine entsprechende Lackierung konnte beispielsweise auf der 1915 produzierten Karosserie eines Dodge 30/35 Scheunenfundes nachgewiesen werden.

 

Die für solche Lacke notwendigen grossindustriellen Applikationsverfahren sowie das Aushärten mit hohen Temperaturen lassen sich bei einer Restaurierung nicht sinnvoll nachstellen. Entsprechende Behandlungen würden ausserdem ein deutliches Risiko für verbliebene, gealterte Originalsubstanz darstellen.

Asphlatlack-Karosserieoberflächen können darum zur Zeit nur durch modernere Ersatzmaterialien mit einem möglichst authentischen Oberflächeneindruck nachgebildet werden.

Lacke auf Basis von Zellulosenitrat ("Nitrolacke")

Beschichtungen mit Zellulosenitrat-haltigen Bindemitteln, landläufig auch „Nitrolacke“ genannt, haben zur Mitte der 1920er Jahre die Beschichtungstechnik von Fahrzeugen revolutioniert. Der Auftrag mit der Spritzpistole und ihre besonders schnelle Trocknung beflügelten die industrielle Massenproduktion, denn im Gegensatz zu Fords Asphaltlacken konnten solche Beschichtungen auch in leuchtend bunten Farben ausgeführt werden.

Entsprechend poliert ergeben diese Lacke außergewöhnlich brillante Oberflächen mit einzigartiger Farb- und Glanzwirkung und Fahrzeuge, die heute noch solche historischen Beschichtungen tragen, sind inzwischen hochwertige und besonders gesuchte Sammlerstücke. Sie werden jedoch immer seltener, da Nitrolacke empfindlicher auf Zersetzung und Beschädigung reagieren als beispielsweise heute übliche 2-Komponenten-Systeme. Praktische Erfahrungen mit entsprechenden Lackformulierungen haben in den letzten Jahren aber gezeigt, dass diese Materialien bei richtiger Pflege dem Fahrbetrieb eines Oldtimers durchaus gut gewachsen sind. (- mehr dazu auch in verschiedenen Beiträgen im Abschnitt News).

Nitrozelluloseschichten können nicht mit modernen Materialien ergänzt werden, denn bei einer Beilackierung mit 2K-Lacken käme es im Übergangsbereich unweigerlich zum gefürchteten „Hochziehen“. Heutige Lacke haben außerdem eine vollständig andere Oberfläche und Glanzwirkung als die historisch verwendeten Decklacke. Das heisst,  selbst wenn der Farbton genau angeglichen wird, ja sogar bei Verwendung von hochglänzenden Klarlack auf der Oberfläche , zeigen neu lackierte Bauteile wie etwa eine Tür oder ein Kotflügel immer eine andere Oberflächenwirkung und heben sich von erhaltenen originalen Flächen ab. Diese gilt besonders für Metalleffekt-Beschichtungen, die in den 1930er Jahren aufkamen und bis in die späten 1960er Jahre als Einschicht-Lackierung ohne Klarlacküberzug ausgeführt wurden.

 

Aus der lackchemischen Fachliteratur der 1920er bis 1950er Jahre konnten inzwischen Nitrozellulose-Automobillacke und verschiedene andere Beschichtungsstoffe wie beispielsweise Leder-Decklacke nach historischen Vorbildern rekonstruiert werden. Diese Materialien stehen nun für unauffällige Retuschen innerhalb von historischen Lackierungen, aber auch zum Ergänzen grösserer Flächen zur Verfügung**. Sie ermöglichen eine eng auf die Fehlstelle beschränkte „Spot-Retusche“ innerhalb von historischen Nitrozellulose-Schichten und werden dafür genau an Farbtöne und Oberflächen des Wagens angepasst. So bleibt die historische Substanz und authentische Patina des Fahrzeuges erhalten.

Nach diesen Grundsätzen habe ich beispielsweise die originale Lackierung sowie die Sitzbezüge eines Bugatti T43 aus dem Jahr 1929 ergänzt.

Alkydharz-Automobillacke ("Kunstharzlacke")

Auch die seit Mitte der 1930er Jahre an Fahrzeugen verwendeten Beschichtungssysteme auf Kunstharzbasis können mit historisch korrekten Materialien und Methoden ergänzt und erhalten werden. Dies ist gut zu erkennen an der lediglich punktuell ergänzten originalen Kunstharzlackierung eines Alvis Speed 20 aus dem Jahr 1935.

In diesem besonderen Fall konnte die vollflächige, moderne Überlackierung des Wagens vorsichtig abgenommen und seine ursprüngliche Kunstharzlackierung freigelegt werden. Bereiche in denen die erste Lackierung durch frühere Unfallschäden verloren gegangen war (etwa an der Spitze des rechten hinteren Kotflügels)  konnte ich mit  Kunstharzlack wieder so schliessen, dass sie sich nun unauffällig in das historische Gesamtbild des Wagens einfügen.

Von erfahrenen Fachleuten in meinem Netzwerk können auch vollflächige Rekonstruktionen historischer Kunstharzoberflächen qualitätvoll ausgeführt werden.

Thermoplastische Acryllacke ("TPA-Lacke")

 Fahrzeughersteller wie beispielsweise Ferrari, Maserati oder Rolls Royce haben dieses  besonders in den 1960er Jahren beliebte Bindemittelsystem zur werksseitigen Lackierung ihrer Wagen verwendet. Dies belegt beispielsweise die Analyse der ersten Beschichtung eines Ferrari 275 GTB Leightweight aus dem Jahr 1965, die mit solchen Acrylatformulierungen ausgeführt worden ist.

Foto: Chris Wevers

Solche Beschichtungsstoffe sind von manchen dieser Hersteller noch bis in die 1980er Jahre verwendet worden. Allerdings werden diese Lackierung mit ihren ganz spezifischen Eigenschaften heute oft zu Unrecht "verteufelt",   weil sie sich mit modernen Farbsystemen nicht zufriedenstellend überarbeiten lassen.

Bei Fragen rund um die  Ergänzung und Rekonstruktion  von Thermoplast-Lackflächen arbeite ich mit einem der wenigen Spezialisten zusammen, der heute noch solche Produkte bezieht und verarbeitet. Auf diese Weise können auch die historischen Oberflächen solcher Fahrzeuge ohne unzuverlässige Isolierschichten oder ein komplettes Entfernen der vorhandenenen Schichten ergänzt und ausgebessert werden.

Ergänzung und Rekonstruktion historischer Lederausstattungen

Historische Materialmischungen können auch bei der authentischen Kopf-Färbung von Leder für die Innenausstattung von Fahrzeugen der „Messing-Ära“ eingesetzt werden. Leder dieser Art wurde beispielsweise anhand von Originalbefunden in einem Mercedes Knight Baujahr 1920 rekonstruiert und zur Nachbildung der verlorenen  Innenausstattung des Wagens verwendet. Dabei wurden für den "Unterbau" der Polsterung und die Teppiche ebenfalls die historisch korrekten Arbeitstechniken und Materialien eingesetzt.

Auch andere Ledermaterialien nach historischem Vorbild können angefertigt und individuell an noch vorhandene Originaloberflächen eines Wagens angepasst werden. Dadurch ist es möglich, nur die unrettbar beschädigten Teile einer Innenausstattung zu ersetzten und  neu eingebrachte Bereiche unauffällig einzufügen.

Dasselbe gilt auch für die Beschaffung und Nachfertigung von speziellen Textilien nach historischem Vorbild, die zur originalgetreuen Rekonstruktion von Innenausstattungen benötigt werden  (Details dazu finden Sie auch hier).

Moderne Materialien für die Konservierung und Restaurierung

Für die Stabilisierung (Konservierung) von historisch erhaltenen Beschichtungen, Leder, Kunstleder, Textilien und Metallauflagen sind traditionelle Materialien und Arbeitstechniken häufig nicht geeignet. Hier haben sich  individuell zusammengestellte Materialformulierungen mit modenen Inhaltsstoffen bewährt, deren Haltbarkeit und Wirksamkeit im Bereich der Konservierung und Restaurierung von Kulturgütern erprobt sind.

Soweit es mit der aktiven Nutzung des jeweiligen Fahrzeuges vereinbar ist, werden diese Formulierungen reversibel und minimalinvasiv eingesetzt. Festigungsmaterialien dieser Art wurden beispielsweise zur Fixierung der historischen Startnummern auf einem Germain-Lambert Rennwagen ("La 16") aus dem Jahr 1949 im Musée National de l'Automobile (Collection Schlumpf) verwendet.

Genau abgestimmte Lösemittelmischungen machen es in vielen Fällen möglich, Übermalungen und alte Bearbeitungsspuren auf Leder und anderen Materialien der Innenausstattung wieder zu entfernen. Mit entsprechenden Verfahren konnten beispielsweise die weiss übermalten Lederpolster eines Pegaso Z102 aus dem Musée National de l'Automobile in Mulhouse wieder auf die ursprüngliche, elfenbeinfarbene Oberfläche freigelegt werden.

Auch gerissene Bereiche und Schäden in Lederoberflächen konnten bereits erfolgreich hinterlegt und wieder geschlossen werden. So bleibt die historische Innenausstattung mit ihren natürlichen Alterungsspuren und gleichzeitig aber auch die Nutzbarkeit des Fahrzeuges bestehen.  Ein Beispiel dafür ist die Bearbeitung der  Sitzpolster eines Jaguar XK 120 aus dem Jahr 1950, die auf diese Weise erhalten werden konnten.

Detaillierte Informationen über einzelne Projekte finden Sie hier


**zur ChemVOCFarbV und der gesetzeskonformen Anwendung von historischen Lacken und

   Restaurierungsmaterialien lesen Sie bitte die Technischen Hinweise.