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Montag, den 10. 4. 2017

 

Endlich bekommen wir Klarheit über ""Das Märchen vom unvergleichlichen Nitrolack""...

- das zumindest verspricht Jürgen Book von der Firma Glasurit/BASF Coatings aus Münster in einem ausführlichen Bericht auf der GTÜ-Webseite ... .

 

Mit grosser Geste wird uns dort zuerst eine bei Glasurit durchgeführte „Materialanalyse“ am Delahaye Typ 87 aus dem Museum Mulhouse vorgestellt. Trotz der „beeindruckenden“ Liste von Analyseverfahren hat man diese Lackuntersuchung jedoch in der Realität nur sehr summarisch ausgeführt und die gewonnenen Details wurden auch noch fehlerhaft interpretiert. So wird der von Book kommunizierte und unter Umständen auch gutachterlich relevante Schluss, es handele sich hier um ein Fahrzeug „im Erstlack“ pikanterweise durch die von der BASF Coatings selbst erhobenen Daten widerlegt (- die entsprechenden Unterlagen liegen vor).

 

In den anschliessenden Ausführungen zur Lackgeschichte  folgen wir dem Mann aus Münster dann staunend auf eine Reise nach Wunderlich:

So lernen wir etwa, dass es sich bei Nitrolacken um „die schwächste Technologie der Lackgeschichte“ handele, und ihr besonderes Erscheinungsbild nur „nostalgisch verbrämt“ sei.... ? Da ist es doch merkwürdig, dass die Nitrozelluloselacke von unabhängigen Fachleuten der 1920er Jahre als etwa 4x haltbarer gegenüber den vorher üblichen Ölmaterialien eingestuft wurden (- nachzulesen beispielsweise 1924 im Journal of the S.A.E.).

Ausserdem hat sich vermutlich kein Beteiligter der Glasurit-Campagne jemals eine entsprechende Oberfläche genau angesehen. Gerne lade ich darum alle Interessierten ein ins Museum Volante, wo drei Wagen mit rekonstruierten Nitrozelluloselackierungen zu finden sind und man solche tatsächlich einzigartigen Oberflächen „in Natura“ erfahren kann. Vermutlich auch darum wurde das zu dieser Gruppe gehörende Delahaye 135 M Coupé im letzten Jahr zum Pebble Beach Concours d' Elegance eingeladen.

Hispano Suiza K6, 1937 karossiert von Vanvooren und heute mit rekonstruierter Nitrozelluloselackierung zu sehen im Museum Volante .                                                                                                                   (Foto: Museum Volante)

Wie der Besitzer dieser Vorkriegs-Kollektion und andere originalitätsbewusste Sammler haben sich  auch die Fachleute von Mercedes-Benz Classic bei der aktuellen Restaurierung des 540K Stromlinienwagen für den behauptet so ""lausigen"" Nitrozellulose-Lack entschieden.

Mercedes 540K Stromlinienwagen (W29) Baujahr 1938 mit rekonstruierter Nitrozelluloselackierung, dieses Jahr ausgestellt auf der Techno Classica

Durch die neu aufgebrachte, originalgetreue Einschicht-Metallic-Lackierung hat auch dieser Wagen nun wieder ein wirklich beeindruckendes und authentisches Äusseres.

Praktische Erfahrungen mit solchen Rekonstruktionen haben ausserdem in den letzten Jahren gezeigt, dass diese Materialien bei richtiger Pflege dem Fahrbetrieb eines Oldtimers durchaus gut gewachsen sind und von entsprechend geschulten Fachleuten im Schadensfall auch ohne grössere Probleme ausgebessert werden können. Im Gegensatz zu modernen Beschichtungssystemen bieten diese Lacke darüber hinaus die Möglichkeit, Schäden in historischen Nitrozellulose-Oberflächen beizulackieren, ohne die vorhandene Originalsubstanz abnehmen und zerstören zu müssen!

Bugatti T43C Baujahr 1929,  - die originale Nitrozelluloselackierung der Karosserie wurde bereits 2006 mit historisch korrektem Material beilackiert. Angrenzende, noch gut erhaltenen Bereiche der ursprünglichen Beschichtung wurden dabei erhalten (- Details zu diesem Projekt finden Sie hier).

Aber auch alle anderen historischen Lackiermaterialien bekommen in der Mitteilung „ihr Fett weg“ und es wäre zu langwierig, hier auf alle behaupteten Fragwürdigkeiten oder Un-Kenntnisse einzugehen. Allerdings staunt der Laie und die Fachfrau wundert sich, warum denn gerade die als „nicht witterungsbeständig“ bezeichneten Alkydharzlacke heute noch (und völlig legal!) für hoch strapazierbare Landmaschinen-Beschichtungen verwendet werden?

Porsche 911S Baujahr 1970 mit der werksseitig aufgetragenen Alkyd-Kunstharzlack-Oberfläche

In spezieller sachlich-fachlicher Hochform zeigt sich der Glasurit-Frontmann schliesslich in Bezug auf Thermoplastische Acryllacke. Besonders dieses Lacksystem, das beispielsweise als Originalbeschichtung von wertvollen Ferrari- oder Maserati-Modellen der 1960er Jahre zu finden ist, überzieht er mit unsachlich-abfälligen Bemerkungen und Halbwahrheiten. Der Hauptfehler dieser Materialien liegt aber wohl darin, dass sie sich mit der aktuellen Produktpalette der BASF Coatings nicht zufriedenstellend reparieren oder überarbeiten lassen. Die bestehenden Möglichkeiten, auch Thermoplast-Oberflächen ohne Isolierung oder komplettes Entlacken mit dem historisch stimmigen Material zu restaurieren und zu erhalten, waren ihm auf meine direkte Nachfrage garnicht bekannt.

 

Fakt ist, dass das Grundlagendokument der FIVA, die Charta von Turin, in Artikel 7 vorzugsweise eine Verwendung historisch korrekter Materialien und Arbeitstechniken fordert. Dem liegt zugrunde, dass für historische Fahrzeuge "Besser als Neu"  nicht von sich aus  "besser" sein kann. Es handelt sich hier ja nicht um irgendwelche alten Gebrauchtwagen, sondern um Zeugen der Geschichte, die auch auf verschiedenen anderen Gebieten (- etwa bei der Zulassung -) eine besondere Behandlung brauchen.

Das ist auch in privaten Sammlungen eine wichtige Voraussetzung zur Erhaltung der historischen Authentizität,  - ein Begriff, den man sich in Münster gerne werbewirksam aneignen möchte, bei genauerer Betrachtung aber wohl nicht mit Inhalt füllen kann. Es bleibt also ein grosses Fragezeichen, wie sich eine angeblich "massgebliche" Zusammenarbeit mit dem Oldtimer-Weltverband im Spannungsfeld zwischen den ethischen Grundsätzen der Charta und Sponsoring-Interessen realisieren lässt... ...? 

 

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: auch wasserbasierte 2K-Lacksysteme wie die der BASF Coatings (bzw. entsprechende Produkte zahlreicher anderer Hersteller) haben ihre Berechtigung mit ganz eigenen Vor- und Nachteilen. Abhängig vom Ausgangszustand eines Fahrzeuges gibt es auch in meiner Werkstatt Fälle, für die ich dem Kunden die Verwendung solcher Materialien empfehle.

Allerdings stellt sich die Frage, ob man in Münster möglicherweise so wenig Vertrauen in die eigenen Produkte hat dass man meint, sie mit Falschinterpretationen, Fäkalsprache und  „alternativen Fakten“ pushen zu müssen? Ist dieser ziemlich "schmerzfreie und  kreative" Umgang mit Tatsachen wirklich die fachlich-kompetente Art, mit der die BASF Coatings in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden will?

Oder geht es vielleicht nur darum, die historischen Fahrzeuge um jeden Preis an eine auf moderne Materialien beschränkte Konzern-Produktpalette anzupassen, statt die Besitzer aufrichtig über alle bestehenden Möglichkeiten aufzuklären und ihnen die freie Wahl zu überlassen, die ihnen zusteht? (- die "historischen" Lackalternativen hat uns der Gesetzgeber ja in der ChemVOC FarbV  für Oldtimer freigestellt).

Dass eine entsprechend einseitige Beratung zur völlig unnötigen Zerstörung von historischer Substanz und damit unter Umständen sogar zur Minderung des Marktwertes von Fahrzeugen führen kann, wird nicht thematisiert. In solchen Fällen führt dann allerdings kein Weg mehr zurück und die Eigner können es nachträglich nur noch mit zähneknirschendem Bedauern abhaken.... .

 

 

Gerne hätte ich all meine Fragen mit Herrn Book persönlich besprochen, ein dazu vereinbarter Termin auf der Techno Classica kam dann aber leider kurzfristig nicht zustande.


Samstag , 25. 3. 2017

 

Ausbildung zum Fahrzeugrestaurator / zur Fahrzeugrestauratorin

Im Zuge des nun bereits zweiten Kursdurchlaufes der Schweizer Weiterbildung zum Fahrzeugrestaurator/ zur Fahrzeugrestauratorin durfte ich gestern wieder eine Gruppe von 22 interessierten Schüler aus den Fachbereichen "Carosserie" und "Mechanik/Elektrik" unterrichten. Auf dem Lehrplan stand das auf den ersten Blick  sperrig klingende Thema "Restaurierungsethik und Charta von Turin", das wir gemeinsam aber nicht nur teoretisch bearbeiten, sondern auch eng mit  individuellen Erfahrungen, Projekten und Fragestellungen in den Werkstätten der Teilnehmer verbinden konnten.  

Das Grundlagenmodul an der Berufsfachschule Baden/Schweiz wird heute weitergeführt im Kurs "Dokumentation" meines Kollegen Franz Hatebur, und mit  weiteren Veranstaltung zu Themen wie "Arbeitssicherheit in der Restaurierungswerkstatt", "Zulassungsrecht bei Oldtimern" oder "Versicherungsfragen" ergänzt. Gleichzeitig werden die Teilnehmer in den nächsten Monaten die zugehörigen praktischen Module durchlaufen, so dass 2018 die ersten Absolventen den begehrten Berufstitel «Fahrzeugrestauratorin/ Fahrzeugrestaurator» mit eidgenössischem Fähigkeitsausweis erhalten können.

Mehr dazu finden Sie auch auf der Seite des Berufsverbandes der Schweizer Fahrzeugrestauratoren IgFS und in einem Beitrag des SRF .


Zurück vom Symposium am  Revs Institute for Automotive Research  in Naples/Florida takte ich mich nun wieder in den Alltag ein.... .

In der grossartigen Sammlung unseres Gastgebers Miles Collier hatte ich die Gelegenheit, an aussergewöhnlichen Fahrzeugen verschiedene Restaurierungstechniken zu demonstrieren und mit über 60 Sammlern, Enthusiasten und Kollegen wie Paul Russell, Eddie Berrisford, Peter Stevens und Donald Osborne über die vielen Facetten der Erhaltung und Nutzung historischer Fahrzeuge zu diskutieren. Der anregende Gedankenaustausch und viele tiefgehenden Impulse aus  dieser Veranstaltung waren eine echte Bereicherung!

Weitere Details dazu finden Sie zum Beispiel im  Artikel von Doug Nye und einem aktuellen Beitrag von John Lamm.

Herzlichen Dank auch an Sara Heppner-Waldston für ihre ganz besonderen "Graphic Recordings" der einzelnen Beiträge!

graphic  recording ©2017 by Sara Heppner-Waldston


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